#3 Vom Trauma zur Transformation

trauma@work Podcast Cover, Episode 3, Ivana Scharf im Gespräch mit Dr. Helmut Meier
Wie beeinflussen Traumatisierungen unsere Arbeitswelt und das Führungsverhalten? Wie lernen wir Trauma besser zu verstehen? Welche Beispiele gibt es für Transformation von Trauma in Wachstum?
 
In der dritten Episode des trauma@work Podcasts spricht Gastgeberin Ivana Scharf mit Dr. Helmut Meier. In einer Welt, die zunehmend von Stress und Belastungen geprägt ist, wird die Bedeutung von Selbsterkenntnis und persönlichem Wachstum immer größer. Wir sprechen über die Verdrängung von Trauma und die Auswirkungen früher Bindungserfahrungen auf die Führungskultur.
 
Ein bedeutsamer Aspekt der Folge ist die Berücksichtigung der verschiedenen Anteile, die bei Traumatisierungen entstehen können – vom Funktions-Ich über den Trauma-Anteil bis hin zum gesunden Anteil. Außerdem werfen wir einen Blick auf die Bedeutung von Systemaufstellungen und zeigen auf, wie die Betrachtung familiärer Systeme und Organisationen als lebendige Organismen zu tiefgreifenden Erkenntnissen führen kann.
 
Dr. Helmut Meier teilt Geschichten aus seiner langjährigen Tätigkeit als medizinischer Psychotherapeut und gewährt berührende Einblicke in Techniken, die dabei helfen, heilsam mit Wunden umzugehen. Seine Botschaft lautet: Jeder von uns hat die Möglichkeit, sich mit familiären und persönlichen Themen auseinanderzusetzen und eine tiefgreifende Verwandlung zu erleben. Denn letztendlich können wir nur uns selbst verändern.

Wer Menschen führt, kommt in Berührung mit Trauma. Früher oder später.

Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment.
Ein beruflicher Termin, eine Beratungssituation, alles im gewohnten Rahmen. Und dann – ganz plötzlich – steht etwas im Raum, das ich mein Leben lang gut vor mir selbst versteckt hatte: ein Kindheitstrauma.

Ich hatte nicht vor, das an diesem Tag anzuschauen. Doch durch die systemische Aufstellung, die das Beratungsteam einsetzte, wurde etwas sichtbar.
Etwas, das bis dahin keinen Namen hatte. Und plötzlich sprach jemand aus, was ich selbst nie laut gesagt hatte.

Das war der Anfang.
Der Anfang meiner eigenen Reise – und der Beginn einer Überzeugung, die mich bis heute prägt:

Wer Menschen führt, kommt früher oder später mit Trauma in Berührung.

Was hat Trauma mit Führung zu tun?

Wir denken bei Trauma oft an Krieg, Katastrophen, große Erschütterungen. Aber:
Auch emotionale Vernachlässigung, Abwertung oder fehlende Bindung in der frühen Kindheit können traumatisierende Auswirkungen haben – gerade, wenn wir später Verantwortung übernehmen.

Dr. Helmut Meier, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, mit dem ich für meinen Podcast „Trauma at Work“ gesprochen habe, erklärt Trauma so:

„Trauma ist ein Reiz, den der Organismus nicht aushalten kann.“

Das gilt für den Körper – und für die Psyche. Und wenn wir Führungskräfte begleiten, merken wir oft: Da ist jemand, der perfekt funktioniert, aber innerlich völlig erschöpft ist. Jemand, der überfordert – und gleichzeitig ständig über seine eigenen Grenzen geht.

Die drei Anteile nach Franz Ruppert

Dr. Meier beschreibt anhand des Modells von Franz Ruppert drei innere Anteile, die in traumatischen Situationen entstehen:

  1. Das Funktions-Ich – der Teil, der „einfach weitermacht“,

  2. Der Trauma-Anteil – der abgespaltene Schmerz und

  3. Der gesunde Wesenskern – der Teil, der unzerstörbar bleibt.

Gerade in der Arbeitswelt treffen wir oft auf Menschen, die im Funktionsmodus festhängen – und den Kontakt zu ihrem Wesenskern verloren haben.

Der Wesenskern – was passiert, wenn wir ihn vergessen?

In der initiatischen Therapie nach Graf Dürkheim spielt der Wesenskern eine zentrale Rolle.
Er steht für das, was wir in Wahrheit sind – unabhängig von äußeren Rollen oder Erfolgen.

Aber gerade in Führungsrollen verlieren viele Menschen diesen Kern aus dem Blick.
Sie leisten, funktionieren, überperformen.
Und doch bleibt oft ein Gefühl: Ich bin nicht ganz.

Systemaufstellungen als Türöffner

Systemaufstellungen ermöglichen einen tiefen Blick in familiäre und organisationale Verstrickungen. Sie zeigen Dynamiken auf, die oft im Verborgenen wirken:
Wenn jemand z. B. unbewusst die Rolle eines nicht gewürdigten Familienmitglieds übernimmt. Oder wenn Hierarchien innerhalb eines Unternehmens nicht geachtet werden.

Solche Strukturen erzeugen Unruhe – und letztlich auch: Unproduktivität.

Körperarbeit: Was sich nicht denken lässt, will gefühlt werden

Ein besonders kraftvoller Teil dieser Arbeit ist die Verbindung mit somatischen Methoden.
Dr. Meier arbeitet mit Elementen aus der Körperpsychotherapie – zum Beispiel mit dem Prinzip von Peter Levine, das mit Erstarrungs- und Fluchtimpulsen arbeitet.

Ich habe selbst erlebt, wie eine festgehaltene Emotion aus meiner Kindheit freigesetzt wurde.
Eine alte Energie, die mich als Kind überfordert hatte – und die ich als Erwachsene bewusst durchleben und verwandeln konnte.

Damals war ich machtlos. Heute bin ich es nicht mehr.
Und genau das zu erleben, war für mich ein Wendepunkt.

Männer, Trauma und Macht

Ein Thema, das sich durch viele Gespräche zieht – auch durch die Episode mit Dr. Meier – ist das Schweigen.
Vor allem bei Männern. Auch in meiner Arbeit sehe ich es immer wieder:
Männer in Führungsrollen sprechen seltener über emotionale Wunden.
Viele haben nie gelernt, mit innerem Schmerz umzugehen. Oder halten es für ein Zeichen von Schwäche.

Und viele Führungskräfte wollen mit dem Thema Trauma nichts zu tun haben. Dennoch: Es wirkt – ob bewusst oder unbewusst.

Was fehlt, ist ein sicherer Raum, in dem sich auch männliche Führungskräfte mit ihren Wunden zeigen können. Nicht als Schwäche – sondern als Schlüssel zu echter Verbindung.

Was wirklich wirkt – ein Beispiel

Dr. Meier erzählt von einem Mann, der eine hohe Führungsposition in einem internationalen Konzern hatte.
Er litt unter Rückenproblemen – und landete zunächst in der chiropraktischen Behandlung.

Was dann geschah, war bemerkenswert:
Aus der körperlichen Behandlung wurde eine psychotherapeutische Begleitung.
Und aus einem überforderten Mann wurde jemand, der sich mit seiner Geschichte versöhnte. Der seine Vaterwunde bearbeitete. Und der heute in der Lage ist, aus innerer Klarheit heraus zu führen.

Führung neu denken – von Konkurrenz zu Kooperation

Was wäre, wenn wir nicht mehr nur um Status kämpfen würden – sondern Kooperation zum Maßstab machen?

Dr. Meier hat über viele Jahre hinweg erlebt, was passiert, wenn sich Führung verändert. Wenn sich Gesprächskulturen wandeln. Wenn nicht mehr nur „funktioniert“ wird – sondern echte Verbindung entsteht.

Er sagt:

„Du kannst niemals deine Mitarbeiter verwandeln. Du kannst niemals deine Partner verwandeln. Du kannst nur dich selbst verwandeln.“

Fazit: Trauma verstehen heißt Menschen verstehen

Für mich war dieser Organisationsberatungstermin lebensverändernd. Weil das Beratungstermin traumasensibel agiert hat. Meine eigene Erfahrung mit Systemaufstellung  hat meine Arbeit geprägt.

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen – insbesondere in Führungspositionen – diesen Schritt wagen:
Sich selbst besser zu verstehen, um andere besser führen zu können.

Weitere Ressourcen

Im Podcast erwähnen wir das Somatic Experiencing nach Peter Levine. Mehr darüber findest du in seinem Buch: Sprache ohne Worte – Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt, erschienen im Kösel Verlag.

Mehr über Systemaufstellungen kannst du hier erfahren: Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellung.

Wenn Du wie ich auch eine Ausbildung zur zertifizierten Systemaufstellerin oder zum Systemaufstellung mit Helmut Meier erleben willst, findest Du das „Curriculum systemisch führen“ beim Team Benedikt.
 
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